Hier weitere Informationen und Dokumente
zur Geschichte des Theodor Fliedner Hauses
Was war der Verein " Herberge zur Heimat" ?
Am 5. Februar 1904
wird in Kassel der "Verband Christlicher Hospize"
(VCH) gegründet.
Wie ist es zur Gründung dieses
Zusammenschlusses gekommen?
Um die Mitte des vergangenen 19.
Jahrhunderts, im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung Deutschlands, die
viele Menschen in Bewegung brachte, gründeten meist gemeinnützige Träger neben
sozialen Einrichtungen für Kinder, Jugendliche und
alte Menschen die "Herbergen
zur Heimat",
"Kolpinghäuser" und ähnliche Gästeunterkünfte, für die in
die Städte strömenden, Ausbildung und Arbeit
suchenden Menschen.
Im Laufe der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts haben sich dann die
"Herbergen" erheblich ausgeweitet, und es ergab sich
die Notwendigkeit und
das Bedürfnis, für die Reisenden über den Rahmen einer "Herberge
zur Heimat" hinaus zu sorgen. So entstanden
um die Wende des Jahrhunderts, teilweise in Verbindung mit den Herbergen,
teilweise gesondert, die "Christlichen Hospize".
Der Name "Hospiz" wurde
als Unterscheidungsmerkmal zu anderen Hotels und Gasthöfen gewählt, um deutlich
zu machen, dass diese Häuser auf
christlicher und nicht ausschließlich gewerblicher Grundlage
arbeiteten, dass sie sich eine besondere Betreuung der Reisenden zum Ziel
gesetzt hatten, und dass die Geschäftsführung auf christlicher Grundlage
geschah.
Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts
besteht ein einflussreicher Verband, der "Deutsche Herbergsverein", ein
Zusammenschluss von 15 Landesverbänden, ausgedehnt über das gesamte Deutsche
Reich, mit fast
600 Mitgliedshäusern, davon fast 50 im
Ausland gelegen, wie in der
Schweiz, in Holland, England, Dänemark, Norwegen,
Italien, ja Russland und Nordamerika.
Aus der großen Zahl dieser Häuser ergibt sich
der Wunsch, die wirtschaftlich stärksten "Hospize" in
einem neuerlichen Verband zusammenzuschließen. Am 5. Februar
1904 findet die konstituierende Sitzung
in Kassel statt, über die Anzahl der
Teilnehmer berichten die Unterlagen
nichts. Sie sagen nur, dass etwa 100
Einladungen ergangen seien. 31
Häuser in Deutschland und 5 in der Schweiz treten
dem Verband bei.
Textauszug aus einer Dokumentation
zusammengestellt von Herr Probst Peter Godzik
Die Hospizbewegung in der Bundesrepublik
Deutschland. Hannover, den 3. April 1992
Mit freundlicher Genehmigung von Herrn Probst
Peter Godzik, Ratzeburg
Pastor
Gotthold Donndorf, 1936 Leiter des Landeskirchlichen Amtes für innere
Mission
Hintergründe
Um nicht die Wandererfürsorge, die durch das Eingehen der "Herberge zur
Heimat" schon eine starke Einbusse erlitt, in Hamburg vollkommen bzw. in
staatliche Hände übergehen zu lassen, war das Landeskirchliche Amt für
innere Mission genötigt, einen Teil der Hamburger Arbeiter Kolonie zu
übernehmen und als Wandererarbeitsstätte weiter zu führen. Diese Maßnahme
wurde durch die Stellungnahme des Geschäftsführers des Zentralvorstandes der
Arbeiterkolonie sowie durch den Nordelbischen Herbergsverband stark
unterstützt. Es wäre unverantwortlich gewesen, wenn das verkehrsreiche und
zentral gelegene Hamburg weder eine Wanderarbeitsstätte noch eine
Einrichtung der Wandererfürsorge, die dem Deutschen Herbergsverein angehört,
besäße.
Textauszug aus einem Schreiben an
den Zentral Ausschuss für die Innere Mission v. Nov 1936
Politischer Hintergrund der Entscheidung ein Altenheim in der
Westerstraße zu errichten war der allgemeine Wohnungsmangel in den Städten.
Die Überlegungen mehr Altenheime zu schaffen werden 1936 in einem Erlass des
Reichsminister des Inneren umgesetzt, in dem die Gemeinden und freien
Wohlfahrtsverbände aufgefordert werden Altenheime zu errichten um den so
freigewordenen Wohnraum für kinderreiche Familien zu nutzen. Es werden zum
Bau von Altenheimen sogar Baudarlehen vom Staat vergeben, allerdings nur für
Neubauten.
Die Herbergen zur Heimat konnten nicht überleben da mit der
Machtübernahme der Nationalsozialisten auch die Wanderarbeiterbewegung stark
zurückging. Die Herberge zur Heimat in Hamburg wurde 1934 geschlossen da
sich ihr Betrieb wegen zu geringer Nachfrage nicht mehr lohnte.
Dokumentarischer Bericht über die Flucht der Bewohner des TFH aus
dem brennenden Hamburg !
Quelle: NEK-Archiv Kiel
Originaltext von A. Crome. Text wurde nur zur besseren Lesbarkeit
bearbeitet.
Quelle Bilder:
http://www.bombenkrieg-gegen-hamburg.de
Das Theodor Fliedner Haus und die
Katastrophenzeit
.
Beim Rückblick auf die Zeit
der Terrornächte und der Flucht fragt man sich, was man daraus gelernt
hat.
Was würde man – durch die Erfahrung klug
geworden – anders machen.
Zuerst: Die Evakuierung.
Wir hätten auf Grund der vielsagenden
Zeitungsnachricht vom 22. auf Grund der ersten Terrornacht mit ihren
Feuerherden ringsum, auf Grund der Zerstörung sämtlicher Fenster und
Verdunkelungen am 26. u. 27. Juli unsere Alten doch wohl besser nach
Kuddewörde und Scharbeutz bringen sollen, wie ich es am Montag vorschlug. Es
wäre natürlich nur gegangen, wenn unsere Heimleitungen dort dasselbe getan
hätten, was der Leiter des Neumünsterschen Städtischen Pflegeheimes am 28.
tat; „Alle rüstigen Heimbewohner auf Stroh, die Gebrechlichen in die
Betten.“ Hätten wir vom Landeskirchlichen Amt aus gewagt, das zu diktieren?
Hätten sich die Heiminsassen das gefallen lassen? Das Leben musste uns wohl
noch die Lehre einer einzigen Terrornacht und einer Massenflucht aus der
Großstadt geben. Alsdann ging alles. Musste alles gehen.
Und das Zweite: Was wir
versäumt hatten, war eine gut vorbereitete Aktion für Notgepäck der
Alten. Wir hatten oft über legt, was zu tun sei. Sch. Magdalene
wies immer wieder darauf hin. Mir hat die letzte Initiative gefehlt. Wir
hätten beizeiten rüsten müssen. Als der Zeitungsartikel am 22.7.
erschien, der blitzartig wirkend, auf eine Katastrophe vorbereitete, haben
wir wohl die Gefolgschaft ermahnt, zu rüsten und ich habe das Büromaterial
lückenlos bereit gehabt; aber es hat sich bitter gerächt, dass wir nur an das
Leben der Alten und nicht an die Bergung der notwendigsten Sachen dachten.
Die Tage zwischen den beiden Terrornächten waren bis an den Rand gefüllt mit
der Verlegung der Gebrechlichen nach unten, mit Einrichten des erweiterten
Luftschutzkellers und der Notvorrichtung einer Beleuchtung ohne elektrisches
Licht.
Was würde ich heute tun? Die Rüstigen
müssten angewiesen werden, ein Köfferchen mit den allernötigsten Dingen nach
Vorschrift zu packen. Für alle anderen müssten kleine Bündelchen gepackt und
in Säcken bzw. in 2 Waschkörben gesammelt sein.
Alles müsste unten griffbereit stehen. Der
Mangel dieser Aktion wurde besonders fühlbar, einmal weil es in der zweiten
Terrornacht so heiß war, dass viele zu dünn angezogen waren, zum andern sind
manche zu kopflos und notdürftig bekleidet herunter gelaufen. Es war der
Alarm am 26. abends vorangegangen, bei dem wir den einzigen und ersten
panikartigen Abstieg hatten. Wie sollte man auch ohne Verdunkelung, ohne
elektrisches Licht, mit 65 Alten aus unserem weitläufigen Hause in den
Keller kommen, wo am 26. sofort das Schießen einsetzte und wir noch dazu die
weit entfernte Sirene verschlafen hatten.
Der strenge Befehl, nicht ohne Mantel und
Stiefel herunter zu kommen, war zudem besonders von den Männern nicht
befolgt. Zurückschicken, wie man es sonst tat konnte man angesichts der
Gefahr nicht. Es war unser Glück dass wir den Unbesonnenen am 27. abends
vorher mit großer Mühe ihre Sachen soweit im Bündel zusammengepackt hatten,
dass wir sie unten anziehen konnten. So waren diese wenigstens erst mal
bekleidet.
Der Mangel der wohldurchdachten Aktion für
Notgepäck hat uns Leitende besonders moralisch belastet. Wir konnten die
Vorwürfe der Männer nicht genug entkräften. Wir entschlossen uns deshalb zu
der Entsendung von 3 wichtigen Hilfskräften nach Hamburg am 1.8. und haben
daran nicht nur auf der Flucht, sondern noch Wochen hindurch zu tragen
gehabt.
Und Drittens:
Wir waren mit unnötigem, zu schweren Gepäck
beladen. Darüber weiter unten.
Und doch müssen wir dankbar sein, dass die
Hauptsache, die Bergung aller Alten im Keller, dass die Flucht gelang. Wir
haben es wie ein Wunder erlebt, dass niemand auf der Reise gestorben ist,
dass
trotz zeitweiser Rebellion einiger Männer die Einmütigkeit, auch Ruhe und
Disziplin gewahrt wurde. Die gemeinsame Not schmiedete fest zusammen.
I. Die Zeit der Terrornächte.
1. ) In der ersten Terrornacht vom 24. auf
den 25. Juli 1943 war es möglich, während des Angriffs, in einer Pause die
23 Gebrechlichen herunterzubringen, die sonst im 1.Stock auf dem großen Flur
gesammelt wurden. Ganz abgesehen davon, dass die Feuersgefahr ringsum uns
zwang, unten alle zu etwaiger Flucht beisammen zu haben, hielten die Nerven
der Alten de Terror oben nicht aus.
Er war unten leichter zu ertragen. Die
Anstrengungen dieser Nacht waren enorm für die Alten, die erst gegen 9 Uhr
früh in ihre Zimmer konnten. Die Anstrengungen für Schwestern und
Angestellte waren deshalb so groß, weil in dieser Nacht der an unser Haus
grenzende mit Teerdach gedeckte Schuppen von uns mit gelöscht werden musste
(Schläuche) und zudem am frühen Morgen alle Stuben mit Glassplittern übersät
waren. Auch die Tage und Nächte bis zum 27. waren katastrophal.
Wir mussten in der Nacht zum 26. im Hause,
auch als Alarm kam wachen, weil die Feuersgefahr ringsum zu groß war. Ich
selbst hatte meinen Standort in der Nacht und am Tage viel auf der Straße,
galt es doch, seit der Nacht vom 24. auf den 25.Juli den Teerschuppen zu
bewachen. Ringsum waren so große Gefahrenherde, dass die Feuerwehr und S.H.D.
in diesen Nächten und Tagen für nichts anderes zu haben war als für das
schon halb abgebrannte Gebäude neben dem Hansahotel mit seinen großen
Teewaren-Lagerungen und zum Löschen der großen Hotels am Hühnerposten.
Hinter bezw. neben uns waren an Gebäuden abgebrannt und noch am Brennen:
Die Tarnfarbenfabrik, die
Obstverwertungsstelle von Tegtmeyer mit ihren Explosionen der großen
Ballons. Bei Nagel an der Ecke explodierten 2000 Flaschen Sprit, neben uns
zitterte man um das Übergreifen des Feuers auf Schäfers Autogarage mit
Benzinvorräten. Uns bangte vor allem um die Bewahrung des Teerschuppens, in
welchem Riesentonnen mit Öl und Teer, dazu ein großes Lager mit Markkisten,
daneben das Braunkohlenbriket Lager der Post untergebracht waren. Militär
und Partei haben uns z.T. rührend geholfen, der gute Blockwart Schulz zwang
immer wieder die Post, Hand anzulegen. Als wir am 28. mittags von der Post
abfuhren, stand dieser lange Teerschuppen in Brand, dicker braungelber Qualm
lagerte hinter unserem Hause. Niemand von uns dachte, dass unser Haus dieses
allernächstliegende Nachbarfeuer würde durchhalten können. Die
Verdunkelungen freilich nach jener Seite hin hatten wir am 24. schon
abgerissen.
2. ) Die zweite Terrornacht begann
um 11 1/2 Uhr. Die Organisation klappte. Da es nicht
gleich schoss, hofften wir mit einem leichten Angriff davon zu kommen. In den
3 Stockwerken hatten wir keine Alten mehr. Aber wir wagten es, die
Schwergebrechlichen im Erdgeschoß auf dem kleinen Flur zwischen Lesezimmer
und Mädelzimmer zu lassen. Schwester Gustel blieb mit Dreien im Lesezimmer
in der Ecke, dicht an die Tür gedrängt, das war in dieser Nacht unser
Verhängnis. Denn wir haben die 21/2 Stunden des
unausgesetzten Terrors keine Sekunde gehabt, wo es auch nur denkbar gewesen
wäre, die Alten durch das Klönzimmer die paar Schritte zur Kellertreppe zu
bringen. Mit Aufbietung aller Energie lief ich öfter nach vorn, behielt so
das Treppenhaus und die Haustür im Auge, wozu Sudmann, der draußen beim
Trupp stationiert war, Befehl gegeben hatte. Hätte uns in jenen Stunden eine
Brandbombe getroffen, unser Haus wäre verloren gewesen. Bei diesem Terror,
ununterbrochen 2-3 Stunden, blieb kein Trupp zur Beobachtung auf der Straße.
Das war mir völlig klar.
So blieb uns wirklich nur das Gebet und das
Wort Gottes. Und es war ja da. Es hat uns ebenso wenig verlassen, keine
Sekunde, wie die orkanhaften Erschütterungen uns erspart blieben.

Wie gut hat man es für sich selbst in
solchen Stunden, wenn jeder Nerv gespannt ist in der Fürsorge für andere.
Man hatte die Hände der Gelähmten zu halten. Man hatte Verse und
Schriftworte zu suchen und zu sagen, bei denen alle selbst mitsprechen
konnten, damit sie neben dem Krachen nicht das Surren der Flieger hörten,
das sie am meisten zittern machte. Nur wenn sie selbst mitsprachen, bannten
sie den Schrecken.
Als eine Pause endlich eintrat,
schafften wir Mann und Maus in den Keller. Nun wagten wir Kontrollgänge
auch bis unters Dach. Ich stellte fest, dass das Feuer bislang weniger
gefährlich rings um das Haus war als in der ersten Terrornacht. Aber
es war ein Qualm, ein Prasselns und Zischen in der Luft, im ganzen Haus,
alles hörbar bis in den Keller, so dass meine Mitverantwortlichen immer
wieder meinten: „ Es muss im Hause brennen.“
In der ganzen Nacht war deshalb ein
dauerndes Kontrollieren nötig. Als uns klar wurde, dass der Orkan die
Geräusche verursachte und das im Hause nichts brannte, genügten die
Kontrollgänge durch Waschküche und Kellerräume. Es war, als ob der
Orkan Eisen-Hagelschauer vor sich hertrieb.
Herr Beck kam, nach uns zu sehen und
beschrieb die Zerstörungen ringsum.
Der Angriff schien vorüber. Sirenen gab es
nicht mehr. Es mochte gegen 4 Uhr früh sein, Der immer anhaltende Orkan
verlangte Kontrollgang. Ein Blick aus den Küchenfenstern: Eine
riesenhafte Flammenlohe schlug aus dem halbabgebrannten Teelagerhaus
und erfasste im Nu das alte Judenheim. Die Arbeitsdienstmädel rasten
durch ihr entzündetes Haus. Im Nachbarhaus rettete man sinnlos. Nun war die
schlimmste Gefahr für uns da. Schäfer hatte mir noch am Tage vorher gesagt,
dass er in seiner Garage viele Wagen mit Benzin hätte und allen Mitbewohnern,
auch der Feuerwehr lag daran, diese Garage zu bewahren. Der Melder bekam
Befehl, mit unseren Feuerwehrleuten die Gardinen im Esssaal abzunehmen und
die Gefahr im Auge zu behalten. Wir Schwestern ratschlagten und machten auf
alle Fälle den Mauerdurchbruch im Heizkeller frei. Es wurde
bald klar, dass wir flüchten mussten. Schäfers Garage brannte, auch Holdmanns
Gebäude gegenüber entzündeten sich. Wir nahmen die Gesunden zuerst, dann
Gebrechliche, dann das Gepäck. Fräulein Claus suchte Esswaren zusammen,
Geschirr, Bestecke, Getränke. Fräulein Claus hat sich wirklich bewährt an
diesem Tage. Es war niemand, der nicht musterhaft half. Wie haben die
Schwestern und einige Alte gearbeitet, alle 65 Alte, auch die
Gebrechlichsten, durch den Mauerdurchbruch zu ziehen. Noch rasch ein
Überlegen, was zu retten sei ?
„Der Wäscheschrank, Medizinen mitnehmen“.
Büromaterial und Koffer standen ja unten längst bereit. Leider war aber mein
Befehl nicht befolgt, die Riesenkoffer zurückzulassen. An der Post fand ich
plötzlich diese Bagage wieder: 2 Koffer zu 4 Centner: Sachen von Günter
Hetemann und ein Riesen-Schwesternkoffer, der gar nicht für eine etwaige
Flucht gepackt war.
Dieses Gepäck hat uns nicht nur entsetzlich
gehemmt seines Gewichtes wegen, es erweckte bei den Männern größte
Bitterkeit: „ Die Schwestern und die Angestellten haben alle ihre Sachen
mitnehmen dürfen. Für uns hat man nicht gesorgt.“ Für einen
Wiederholungsfall müsste streng folgende Weisung befolgt werden: „Man
packt einen kleinen Notkoffer, den man immer rasch zur Hand hat, als dass
man ihn mit Leichtigkeit tragen kann. Will man noch andere persönliche
Sachen sicherstellen, soll man es im Luftschutzkeller in großen Behältern
tun. Man soll die Sachen frachtfertig machen. Bei einer Flucht aber
dürfen solche Gepäckstücke keineswegs mitgeführt werden. Es kann sich
nicht einer bereichern auf Kosten der Gesamtheit. Die Hände müssen für die
Rettung von Menschen leben frei bleiben.“
Vom Nachbar-Luftschutzkeller war
gefahrloser Übergang durch Klostertor und Hühnerposten in die Hauptpost,
wo uns die Erlaubnis für den Luftschutzkeller gegeben wurde. Immerhin
ein weiter Weg für die Gebrechlichen. Aber es waren viele Hände, auch
fremder Männer (Ausländer?), plötzlich da. Im Luftschutzkeller war Schw.
Magdalene schon sehr aufgeregt, aber sie war selten hilfsbereit. Schw.
Gustel lag mit Migräne. Ich verhandelte in der Befehlsstelle, konnte
Herrn Jahnke telefonisch noch benachrichtigen, alle anderen Telefone:
Polizei, Bieberhaus, Kreisleitung versagten. Es hieß „alles ist am Brennen“.
Auch das Telefon der Post setzte bald aus. Kurz ehe wir den Postbunker
aufsuchten, war eine Sprengbombe in den Gepäckraum gegangen. Bedrückend war
es zu hören, wie die Befehlsstelle an ihre Feuerwehrleute und Melder Befehle
gab, die erkennen ließen, dass auch für die Post Feuersgefahr bestand. Nach 2
Stunden war diese Gefahr überwunden.
Worauf kam es nun für uns an ? Es gilt
einen Wagen zu finden.
Die Post wusste keinen Rat. Befehlsstellen
waren telefonisch nicht zu erreichen. „Selbst losgehen, Schwester.“ Die
Partei auf der Straße wies mir den Weg zum Sanitärsdepot, zum Sprinkenhof,
zur Sammelstelle der NSV. Vorbei am brennenden Hauptbahnhof, durch die
halbbrennenden Straßen der Innenstadt, des Deichtormarktes. Im Sprinkenhof
angelangt, kam Alarm, man kam wieder in den Orkan, aber man musste durch.
Zwei Erfahrungen machte ich: Nicht glauben, wenn es heißt, dass die
Befehlsstellen brennen, man kommt immer noch hinein, und zweitens: jede
Behörde erklärt, nicht zuständig zu sein und weist an eine andere. Im Grunde
ist es nur ein Ausweichen, weil keine Hilfe möglich ist.
In dieser frühen Morgenstunde habe ich bei
den Behörden viel müde Ratlosigkeit, viel Apathie gesehen. „Was mache ich
diese Nacht mit den Gebrechlichen, wenn wir keinen Wagen kriegen?“
„Was mache ich mit Frau und Kind,
Schwester, denen kann ich auch nicht helfen“, sagte der Kreisleiter.
Also zurück. Du gehörst zu
den Alten, musst Melder aussenden“, so war mein Gedanke. Ein Blick in unsere
Straße. Das Riesen-Eckhaus brannte, es war kein Durchkommen zu unserem
Hause. Ich fand die Alten in kläglichem Zustand, 2 Männer in einem
deliriumartigen Zustand. Wasser zum Trinken war nicht vorhanden, keinerlei
Ernährungsmöglichkeit. Wie jammerte unsere 95-jährige ! Wieviel Elend war in
den Ecken bei fremden Flüchtlingen, Kinder, die nach ihren Eltern weinten,
verbundene Brandwunden, kranke Kinder. Aber wir hatten ja Proviant.
Wir strichen gute Brote – aber der Durst! Wir hatten unseren Abendmahlswein
mitgenommen. Die beiden Male, als ich die Halbverdursteten tränkte, werde
ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen. Jeder durfte ja nur einen guten
Schluck tun. So musste man mit dem Becher herumgehen und indem man gab,
tröstete man. Es war ein Gang mit unserem Abendmahlswein, bei dem ich immer
das „Nimm hin und trink“ hörte. Es war ein heiliger Gang. Wie oft habe ich
den Jammernden den Vers wiederholt: „Was sind dieses Lebens Güter.....“
Es kamen Fremde und dankten für den Trost.
Wir waren ja alle eine große Familie.
Den Fremden reichten wir kleine Stückchen
Zitronenscheiben. Inzwischen war der Melder längst losgeschickt. Wir
konnten keine bessere finden als Karla, die mit allen Parteidingen so
bewandert war. Auf der Straße hatte mir ein Pg. gesagt: „Nur bei dem
Reichsstatthalter würden Sie bestimmt einen Wagen kriegen, aber den Weg gibt
es für Sie nicht. „ Um 9 Uhr erschien Schw. Gustels Freundin, Frl.
Koops. Sie hatte ein Rad. Ich bat sie, für Kaffee bei Schwester Olga, um
Mittagessen bei Oberin Reimers zu bitten und ihrerseits zum Kreisamt zu
fahren.
Die Zeit verging. Es wurde 10, es wurde 11
Uhr. Kein Melder kam zurück, kein Wagen kam.
Da erschien der Blockwart. „Nun brennt
unser Schuppen, Schwester. Sie können hier nicht bleiben. Ich helfe Ihnen,
einen Wagen zu finden.“ Alle Wege umsonst. Frau Laasch schickte ihre
Gehilfin nach einem Wagen, ich fand unsere zuständige Polizeistelle: Kein
Wagen da. Der Kreisleiter versprach „evtl. aber erst morgen“. „Schmieden Sie
so viele Eisen, wie Sie können, den ersten besten Wagen nehmen“, so sagte
Frau Laasch.
Mit halber Hoffnung kamen Blockwart und ich
zurück und fanden unsere Alten mitsamt dem Gepäck schon aufgeladen
auf zwei großen Lastwagen. Karla hatte die Reichsstatthalterei im Sturm
genommen. Herr Beck hatte sich treulich eingefunden, ja er hatte Milch
herangeschafft. – Welche Befreiung. Ja, man konnte lachen. Nun aber noch den
Versuch, in unser Haus zu dringen und die Säcke zu holen, die gerade
bereitstanden, in die Wäscherei abgeholt zu werden. Handelte es sich auch um
gebrauchte Wäsche, wie froh waren wir hernach, die schmutzigen Handtücher zu
haben,wo es keine reinen gab. Und mancher Alte hatte Wäsche zum Wechseln.

Die Häuser vor unserem Hause waren
niedergebrannt, die Straße unpassierbar, aber nur kurz konnten wir uns im
Haus aufhalten, der Wagen wartete. Wie beruhigend war es, Herrn Beck zu
treuen Händen die Schlüssel des Hauses und überhaupt die Sorge für das Haus
übergeben zu können. Bei allem ist große Bewahrung gewesen: dass die
Haustüren noch schließbar waren, dass in jener folgenden Terrorwoche nichts
gestohlen ist.

II. Auf der Flucht bis Neumünster.
Die Fahrt über Altona weit hinaus nach
Eidelstedt war für unsere Alten erschütternd, denn hier sahen sie ja die
Zerstörungen der 2 Terrornächte; das wirkte, besonders auf die Männer, die
wachen Auges hindurch fuhren, niederschmetternd. Das also war „ihr Hamburg“.
In Eidelstedt einen Teller Suppe, freilich nur klein.
Am Ausweichbahnhof ein
unsagbares Gedränge und Geschiebe, Kindergeschrei, Schleppen von Hausrat,
von Koffern, von Betten, ermattete, todernste Gesichter, nervöse, schreiende
Menschen. Nun fing die Mühsal des Ausladens und Einladens der Gebrechlichen
an, wobei dort die Wehrmacht gut half. Alle halbe Stunde fuhr ein
Flüchtlingszug. Ja, es wurde uns nun klar, dass wir regelrecht „auf der
Flucht“ waren. Unser Fluch auf dieser Flucht war das viele Gepäck. Ich
selbst war voran, suchte die „Befehlsstellen“, erkundete, wohin und woher,
erbat reservierte Wagen.

So habe ich von der Mühsal des
Heraufschaffens der Alten, vor allem des Gepäcks den weiten Weg herauf kaum
etwas erlebt. Das war schwer für Schwestern und Gefolgschaft. Ich war nur
beim Sammeln oben. Wir legten viele einfach auf die Erde (es war brutheiß),
bis endlich, endlich alle beisammen waren. Man hatte vor allem aufzupassen,
dass die „verscheuchten Hühnerchen“ nicht abirrten. Ich folgte der Weisung
eines jungen Bahnhofsinspektors:
„Fahren Sie möglichst weit und nehmen Sie
eine größere Stadt, z.B. Neumünster, sonst kriegen Sie Ihren großen Schub
nicht unter.“ – „Wie lange fahren wir?“ – „Eine Stunde“.
In zwei reservierten Wagen verstaut haben
wir 4 Stunden gebraucht. Ergreifend war in Eidelstedt beim Anrollen eines
Zuges der Ausruf des Bahnbeamten: „Alles zurückbleiben – eine Frau ist in
der Entbindung.“ „Wehe aber euch Schwangeren und Sängerinnen in der Zeit
...“ „Bittet aber, dass eure Flucht nicht geschehe im Winter...“ Wohl haben
wir qualvoll unter der Hitze gelitten; aber Gott sei es gedankt, dass unsere
Flucht nicht im Winter geschah.
2. ) in Neumünster am Bahnhof
Ankunft gegen 22 Uhr.
Dort eine fabelhafte Organisation. Vor dem
Bahnhof auf der Straße die innerhalb von 10 Minuten standen 2 Autos bereit.
Rotes Kreuz, Sanitäter, Hitlerjugend, alles half beim Ausladen der
Gebrechlichen und des Gepäckes. Wäre kein Alarm gekommen, wie gut wäre alles
gegangen. Ich stand wie ein Feldherr unten, außerhalb der Sperre, jedes
verlorene Schaf zu suchen und den Weg durch das eng sich drängende Gewimmel
zu weisen.
Die zwei Autos schienen beinahe voll, da
kam Alarm ! Die Schwestern und die ganze Gefolgschaft war bei dem Rest oben
auf dem Bahnsteig, Hilfsmannschaft hatte unter meiner Aufsicht unten
eingeladen. Völlige Finsternis. Die Autos starteten. Ich schwang mich im
letzten Augenblick auf den Bock, es musste ja einer mitfahren. Eine
gespenstische Fahrt, weit hinaus.
Die Nachtjäger am Werk. – Die
zurückbleibenden Schwestern hatten schweres Werk, in dieser völligen
Alarm-Dunkelheit in den Keller und wieder heraus, Autos zu bekommen u. s. f.
Als wir zu Bett gingen, war es 5 Uhr früh. So waren wir mit einigen Alten
seit dem Beginn der Terrornacht etwa 30 Stunden auf den Beinen. Hier bei
Alarm ereignete sich das Traurige, dass 3 unserer Alten im Gewimmel beim
Dunkel verloren gingen. Eine wurde uns wieder zugeführt. Die Spuren der
zweiten fanden wir in Bayern, sie war dort in einem Gasthof im September
verstorben. Von der dritten fehlt jegliches Zeichen.
Alle Bemühungen seither sind umsonst.
Im Pflegeheim fand ich abends einen etwas
lauten, rauen, aber überaus herzlichen Ton. Das Ganze war vorbildlich. Wohl
war man in der Theorie vorbereitet gewesen, aber zu den praktischen
Maßnahmen hatte man nur1/4 Stunde Zeit gehabt. Die Hälfte der dort
einheimischen Pfleglinge lag auf den großen Wohnfluren auf Strohmatratzen,
das gesamte Personal war aus den Betten geholt. Das Hauselternpaar selbst
hatte seine Wohnung und seine Betten einer vielköpfigen Familie abgegeben. Es war fröhlichste Großkampfstimmung.
Unsere Alten kamen in dieser Nacht zum
größten Teil in Betten unter, natürlich unüberzogen, in Zimmern zu 4-15
Betten, ein kleiner Teil in Betten auf der Erde. Unsere Gefolgschaft kroch
in die Betten auf der Erde und auf Sofas im Gefolgschaftszimmer. Man konnte
sich waschen, bekam Seife und Handtuch. Was bedeutete das!! Für die Alten
musste diese Wohltat von Seife und Handtuch erst mühsam beschafft werden. Es war aber
möglich, die Alten so in den Zimmern zu gruppieren, dass sie zusammen
passten
und dass die Elenden es am besten hatten.
3. ) Das städtische Pflegeheim lag
weit draußen, landschaftlich wunderschön. Auch räumlich – durch einen neuen
Anbau – wirkte es gut. Im Nu waren des morgens die Strohsäcke auf den
Wohnfluren hoch aufgeschichtet. Die Alten hatten so wohnliche Räume,
hervorragende Verpflegung, liebevolle, verständnisvolle Betreuung und vor
allem „Schönheit der Natur“auf großen, wohnlichen Balkons. Wir haben alle
die gleiche Erfahrung gemacht: Wir waren empfänglich für Schönheit, wie
sonst im Leben. Als ob die Natur „“die Trösterin“ war. Empfänglich für Schönheit und Liebe. Im
Pflegeheim konnte man studieren, was „Volksgemeinschaft“ ist. Wichtig war
auch die gute krankenpflegerische Betreuung. Arzt, Medizin, alles umsonst.
Wie liebevoll waren die Frauen des Hausvaters und des Pflegers. Aber wie erlebten wir weiterhin die
Auswirkungen des fliehenden Hamburgs.
Als wir kamen, fanden wir ein Haus mit 90
Insassen, das wuchs in 3 Tagen bis zu einer Belegung von 300.
(In der Jugendherberge 45 Epileptische ohne
jede Führung!)
Aus den großen Massenlagern der Hotels und
Schulen wurden die Gebrechlichen und Siechen zu uns ins städtische
Pflegeheim gebracht. Strohsäcke wurden angefahren. Zuletzt lagen die
Rüstigen unserer Alten auch alle auf Strohsäcken, Es war schon ein
Kunststück, seine Alten wieder zu finden. Unsere Pflegekräfte wurden mit eingereiht; Frau Hetemann als
Nachtwache erlebte dramatische Szenen mit tobenden Männern. Und trotz allem
fühlte man sich geborgen. Schwester Magdalenes Erkrankung setzte
schon auf der Flucht ein. Ihre Einsatzfähigkeit war hervorragend, im Reden
aber zeigte sich die Verwirrung. Wir isolierten sie. In rührendem Gehorsam
und liebevoller Anhänglichkeit fügte sie sich allen Anordnungen. Aber die
Innere Belastung war groß. Viele telefonische Versuche, sie unterzubringen,
scheiterten. Die Oberin von Kropp erklärte sich im letzten Augenblick
bereit. Eine Diakonisse hatte ich persönlich besucht, mit einer
Stationsschwester im Krankenhaus gesprochen. Notdürftig war alles geordnet
mit dem Erfolg, dass Schwester Magdalene durch den Krankenwagen an dem verhängnisvollen Sonntag in
ein falsches Krankenhaus kam, wo niemand orientiert war. Schwer war es für
die Alten und für uns, dass wir in Neumünster alle Nächte den Hamburger Alarm
mit erlebten. Nur eine Nacht haben wir schlafen können.
4. ) Die weitere Planung. Meine
Frage war sofort: wie lange werden wir hier geduldet? Schon am zweiten Tag,
am Freitag, bahnte sich die Entscheidung an. Der Verantwortliche der
N.S.V. bereitete mich auf den Weitertransport vor. Es sei noch nicht so
eilig. Dobbertins beruhigten mich. Aber ich fuhr rasch zur Stadt, setzte mich mit den
verschiedensten Stellen in Verbindung: N.S.V. – Reichsbahn – Rotes Kreuz –
Kirche – Innere Mission.
Das Bild war folgendes:
Eine Unterkunft für uns wusste man nicht.
Auf meine Weisung von Frau Laasch hin, Verbindung mit dem Landratsamt zu
suchen, nur die Weisung, dass für uns nur die entfernten Gaue in Betracht
kämen: Danzig, Ostmark, Schlesien, Bayreuth. „Gehen Sie möglichst weit weg,
am besten ins Riesengebirge, dorthin, wo es etwas zu Essen gibt.“ Auf meine
Frage, ob ich aktiv sein solle: „je mehr, umso besser!“ Mark Brandenburg
würde zur Not erlaubt werden.
Am Sonnabend aber immer wieder die
Versicherung: „Aber nur nichts übereilen, drei Tage dürfen Sie sicher noch
bleiben.“
Sonnabend Nachmittag am Schreibtisch die Planung.
Es war gut, dass wir städtisches Heim waren.
So half uns Telegraph und Telefon, was sonst versagte. Herr
Dobbertin tat alles, mich zu unterstützen. Ich sandte Telegramme nach
verschiedenen Richtungen, kam aber immer wieder auf Neuendettelsau im
Gedanken an eine möglichst große Anstalt. Der Central-Ausschuß für die Innere Mission
musste ran. Aber dieser musste persönlich interessiert werden durch Oberin
Zarnack.
Sonntag früh 5 Uhr. Nur um
diese Zeit kamen Blitztelefone
durch. In 5 Minuten hatte
ich das Burckhardt-Haus. Oberin Zarnachks Stenotypistin meldete sich. Ich
diktierte ihr alles Notwendige.
Nun wusste ich die Sache in guten Händen.
Um dieselbe Zeit starteten mit Polizei-Auto Schwester Gustel, Karla und
Mariechen nach Hamburg, um auszukundschaften, ob unser Haus noch stand und
notwendigste Sachen der Alten zu holen. Die beiden Mädchen wollten nach
ihren Eltern Umschau halten. Dobbertin war dagegen, Schwester Gustel aber
drängte. Ihre treue Bereitschaft schien mir doch richtig , zumal wir uns
doch schuldig fühlten.
III. Zum zweiten Mal auf der Fluch.
Dobbertins erlaubten uns eine
Sonntagsfeier. Auf diese Weise konnten wir alle Alten zusammenfassen und
versuchen, der Missstimmung Herr zu werden. Frau Krohse hatte Geburtstag.
Aber ehe wir Psalm und Lied sagten, erst die Erklärung, was es mit dem
großen Gepäck der Mädchen auf sich hatte. Die Tatsache, dass eine Abordnung
nach Hamburg gefahren war, wirkte erlösend. Die Frauen haben sich auf der
ganzen Flucht besser bewährt als die Männer.
Sie kamen eher über den Verlust ihrer
Sachen hinweg. Herr Dobbertin half einen unserer anormalen rabiaten Männer
im Zaum zu halten. Dieser und einige andere wurden in Holstein an Verwandte
abgegeben. An diesem Sonntagvormittag haben uns die Kirchenlieder und das
Wort Gottes zum Frieden geholfen. Die liebe Sonne tat das Ihre. Psalm 91
wurde uns zum Leitwort. Wir hatten ihn ja erlebt.
Kaum hatten wir die Alten nach einem guten
Mittagessen zur Mittagsruhe gebracht, da mussten wir sie zur zweiten Flucht
herausreißen. All unser Sträuben am Telefon nützte
nichts. Befehl des Regierungspräsidenten aus Schleswig. „Sie wissen nicht,
ob Sie morgen noch reisen können.“ Man erwartete Großangriff auf Neumünster,
Flensburg, Kiel. Das städtische Pflegeheim sollte Hilfskrankenhaus werden. –
Also: in einer halben Stunde fahren Autobusse zur Abfahrt vor.
1. )Was drängte sich in
dieser halben Stunde bis zur Abfahrt.
In allen Räumen die Alten orientieren, die
zerstörte Gefolgschaft aufrufen. Fräulein Claus völlig am Ende, sie
beeinflusste die Mädel. Die gute Gertrud war auf Urlaub, also nicht dabei.
Keine Krankenschwester mit auf Reisen. Für Schw. Magdalenes Unterbringung
noch rasch die letzten Telefone. Das Einpacken der Akten und dienstlichen
Dinge. Abrechnen im Büro. Packen der persönlichen Dinge. Proviantbeschaffung. Wie aufopfernd
haben Dobbertins geholfen. Frau Dobbertin hat uns überreichlich mit Brot,
Butter, Käse, Zucker, Getränken versehen. Der Krankenpfleger füllte mir
wichtigsten Medizinbestand auf. Was kann man alles in einer halben Stunde
denken und handeln, wenn es sein muss! „Höchste Zeit“. Aufladen, wenn wir den 4 Uhr-Zug nicht
verpassen wollen.“ Verladen mit so wenig Hilfskräften! Schwester
Gisela, Frau Hetemann, Fräulein Claus, Irene und ich. Dazu aber die treue
„Tante Grete“. Frau Hetemann hat sich auf der Reise
glänzend bewährt. Da Schwester Gisela bei allem Neuen, Unerwarteten nicht so
rasch zur Stelle ist, trat sie mehr nach vorn.
2. ) Die Abfahrt. Mit knapper Mühe
erreichten wir den 4 Uhr Zug, mussten beim Anrollen den ersten besten Wagen
nehmen, der reserviert vor uns stand: ein D-Wagen ohne Klosett, wie sich
später herausstellte. Eine Ludwigsluster Schwester gesellte sich zu uns und
half großartig. Die weiblichen Schaffner und Zugführer haben sich bewährt in
der Hilfe. (Es wurden uns unterwegs Eimer zum Klosett-Ersatz besorgt.) Die Befehlsstelle
hatte die einzige Weisung gegeben: „Richtung Hagenow-Land“. Dort rasch zur
Befehlsstelle. Es war Sonntag Abend. Alle Verantwortlichen, auch vom Roten
Kreuz, waren nach Haus gegangen. Ein barmherziger Osterstabsarzt stand uns
bei, besorgte uns einen guten Wagen, halb 2. Klasse. Sanitäter und Wehrmacht halfen beim
Einladen. Befehl der Bahnhofsinspektion:“ Richtung Wittenberge“. „Arme
Schwester!“, das war alles, was der Oberstabsarzt zu diesem Befehl sagte. Er
wusste, was uns dort erwartete. „Nein, die Kinder haben es nicht am
schlimmsten, die haben Schutz“, so sagte er, „aber die Alten, das ist
unsagbar. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, was wir da schon aus den Zügen herausgeholt haben.“
3, ) Um 22 1/2 Uhr etwa
Ankunft in Wittenberge. Befehl: Aussteigen! Bei der Bahnhofsinspektion
erreichten wir, dass wir auf ein totes Gleis gefahren wurden. Ein Umsteigen
war unseren Alten nicht mehr möglich. Dr. Neumann, der Leiter der
Befehlsstelle, wurde erst am frühen Morgen zurückerwartet; bis dahin war
nichts zu machen als „Warten“. Es war sehr heiß, Verpflegung (besonders
Getränke) waren sehr gut. Die Alten schickten sich zu schlafen. Der Gesundheitszustand wurde immer
schlechter, ohne Herztropfen ging es schon nicht mehr, schon viele
seelisch sehr bedrückt. Bis alles zur Ruhe kam, graute schon der Morgen. Um
5 Uhr war ich im Postamt, angrenzend an den Bahnhof, und bekam
blitztelefonisch das Burckhardt-Haus, wurde direkt mit Oberin
Zarnack verbunden.
Sie verwies an den Central-Ausschuß und an Dr. Wenzel als Verantwortlichen für Brandenburg. Ich erfuhr,
dass
ein Abkommen bestand zwischen Central-Ausschuß und N.S.V. nach dahin, dass
evakuierte Heime der Inneren Mission möglichst in inneren Missions-Anstalten
untergebracht werden sollten. Ich war also in meinen Bemühungen auch amtlich
gestützt. Darauf Anruf „mit Blitz“ beim C.A., Oberin Zarnack
berichtete, dass dort Tag- und Nachtbereitschaft am Telefon angeordnet sei.
Welche Enttäuschung aber, als dort am Apparat eine völlig unorientierte und unbeholfene
Kraft war, von der man sich keinerlei Hilfe versprechen konnte.
Ich verzagte
und bin wahrscheinlich sehr aufgeregt und fordernd gewesen. Ich bekam
blitztelefonisch Dr. Wenzel, der leider aussagen musste, dass laut
Tagesbefehl Brandenburg plötzlich für Hamburg nicht mehr zuständig sei. (An
diesem Morgen verhängnisvoller Weise der erste Evakuierungsbefehl für
Berlin, besonders für Lazarette). Sonst käme Heiligenhafen in Frage.
Eine blitztelefonische Rücksprache mit dort zeigte, dass Betten genug
vorhanden seien, dass man auch bereit sei, uns sofort aufzunehmen, dass aber
die Behörde die Erlaubnis wohl nicht geben würde. Ich versuchte noch,
blitztelefonisch Neuendettelsau zu erreichen, mit dem Erfolg, dass
nichts zu verstehen war als das eine Wort
„unmöglich“. Gegen 81/2 noch einmal Verbindung mit dem C.A. in Dahlem. Nun
war ein verständiger Mensch am Apparat. „Ganz Berlin ist verrückt“,
sagte sie ruhig. Sie versprach, Schritte zu
tun, konnte aber keinen Erfolg versprechen. Ich hatte mit in eine Ecke des Raumes 4
Stühle gestellt und lag darauf, auf die Anrufe
wartend; stehen konnte man nicht mehr. Pastor Wenzel hatte mir abschließend in feinem
seelsorgerlichen Ton gesagt:
„Und wenn alles nichts hilft, gibt es auch
einen Gehorsam, Schwester Adelheid.“ Das Wort
brachte zur Ruhe, man hatte alles getan. Nun blieb nur noch das
Gebet. Um 81/2
wollte Dr. Neumann bei der Befehlsstelle sein. Er war guten Mutes:
„Spätestens 9 ½ fahren Sie ab, werden an den Magdeburger Zug gehängt. ich habe
etwas für Sie.“ Ich hatte Angst vor einer primitiven Unterbringung und
Zerreißung unserer Gruppe, besonders im Blick auf das mangelnde Pflegepersonal. –
Beim Zurückkommen waren die
Alten
– trotz guter Verpflegung – im schlimmen Zustand. Wir warteten,
warteten. um 101/2
lief ich zur Bahnhofsinspektion ( alle Entfernung vom Wagen war riskant; was sollte werden,
wenn der Wagen plötzlich abgeholt wurde und die Alten ohne mich
abfuhren?!). Ich fand keinen Dr. Neumann mehr, die Inspektoren sehr
niedergeschlagen: „Schwester, es hat sich alles
zerschlagen. Dr. Neumann ist mit
Auto los zu einer Sitzung und hofft,
doch noch etwas zu finden.“
Als ich zurückkam, sagte Schwester Gisela: „Nun können wir nur
noch beten.“ – Wir hatten ja immer zu tun, ich
füllte beim Roten Kreuz meine Medizinen auf, wir mussten den Aufgeregten schon Luminal
geben. Wir sorgten für Mittag essen von der N.S.V. Um 2 Uhr war Dr.
Neumann zurück, ganz verfallen sah er aus bei der Hitze. „Um 31/2
Abfahrt. Sie kommen in den Gau Magdeburg-Anhalt. es ist ein guter Gau,
Schwester.“ Ich wusste, das bedeutet wieder eine Fahrt ins Blaue in den
Auffang-Gau. Lähmend lag diese Aussicht auf uns allen. Dazu die brütende
Hitze. Da plötzlich, 10 Minuten vor Abgang des Zuges, reicht ein Beamter
eiligst einen Zettel herein, flüchtig, mit Bleistift geschrieben: „ Gau
Franken ruft nach Neuendettelsau.“ Kurt konnten wir den Beamten
zurückhalten. Ich schrieb den Namen von Schwester Gustel Walbrodt auf den Zettel für Dr. Neumann, benachrichtigte
noch rasch durch Hitlerjugend das Rote Kreuz. Wir erwarteten ja jeden
Augenblick die 3 Nachreisenden. Als ich mich umdrehte und
Schw. Gisela in die glücklichen Augen schaute, sagte sie nur das eine Wort:
„Gebetserhörung.“Die Alten aber weinten bitterlich: „So weit fort!“ Und man
hatte schon mit allen Geistern der Verzagtheit zu kämpfen, wenn man die immer
hinfälliger werdenden Alten ansah mit ihren Herzanfällen, Unbesonnenheiten
und nun auch schon bald einsetzenden Schlaganfällen.
Aber man hatte zu tun, zu denken. Ging es
doch nun darum, noch zwei Eisenbahnwaggons los zu werden, die
versehentlich mit nach Neuendettelsau gondelten.- Hinter uns waren auf das
tote Gleis geschoben: ein Waggon mit Bewohnern eines Alterswohnstiftes aus
Eppendorf mit ihrem Verwalter, der nicht davon zu überzeugen war, dass er
nicht nach Neuendettelsau angefordert war. Er habe in gleicher Weise die
Weisung bekommen. Er zeichnete sich im übrigen durch völlige Apathie aus,
war zum Helfen auf den Bahnhöfen nicht mit heranzuziehen. Er hatte ja auch
lauter Leute, die sich selbst helfen konnten. Sehr verständig dagegen waren
40 Kranke aus dem Barmbeker Krankenhaus, die ohne jegliche Führung
(darunter Beinamputierte) hatten fliehen müssen.
Wir erreichten es, dass sie in
Stendal abgehängt wurden. Welche Energie gehörte auf der ganzen Reise
dazu, dass die Fahrtdienstleiter der Stimme einer Schwester gehorchten, ohne
Schriftliches in den Händen zu haben. Ohne telegraphische Anweisung vom
Abfahrtsbahnhof haben sie alle treulich gehandelt, nur auf meine
Vorstellungen hin, mit einer Ausnahme. Was das bedeutete, ermisst man nur,
wenn man die Überbelastung dieser gehetzten Beamten miterlebte.
4.
) Wir saßen im Flüchlings-D=Zug nach Bayreuth, ein Zug drängte den
anderen. Die Bahnsteige waren belagert, schon der Weg im Laufschritt jedes
Mal, den langen Zug entlang bis vorn zum Zugführer. War er elastisch genug,
allein zu handeln, musste man noch über Gleise und Treppen zur Befehlsstelle
der NSV? In Halle, wo wir an den Nürnberger D=Zug gehängt werden
sollten, kamen wir 21/2 Stunden zu spät an. „Was haben
wir für Lauferei von Ihnen gehabt?“ sagte atemlos der Eisenbahnbeamte.
„Haben sie keinen alten Vater?“ war meine
Gegenfrage. „Ja, gerade deshalb sind wir so gelaufen“, war die Antwort.- Nur
eines hatte die Fahrtdienstleitung in Halle versäumt: nach Hof zu
telegraphieren. In Hof versagte das einzige Mal der Zugführer. Es war
offensichtlich Trägheit. Das Beamtenpersonal stand auf unserer Seite, war
bereit; der Zug nach Nürnberg stand auf dem andern Geleise bereit. Der
Zugführer gab das Abfahrtszeichen: „Umsteigen oder mitfahren.“ Mit knapper
Not kam ich noch in den Zug.
5. ) So ging die Fahrt durch bis
Schwansdorf, bis fast an die tschechische Grenze. Von diesem Vorgang in Hof
hatte ich gelernt:“ Hilf dir selbst.“ In Schwansdorf habe ich einfach selbst
an den Bahnhof in Nürnberg telegraphiert und bin auch in Nürnberg nicht
gewichen, bis telegraphisch die Umleitung des Waggons in Wicklesgreuth
bestellt war. In Schwansdorf wieder längerer Aufenthalt, weil die
Eilzugtriebwagen keine rechnischen Möglichkeiten zum Anhängen hatten. Auf
jedem Bahnhof dieselben Auseinandersetzungen: „Wir können nicht mehr
umsteigen.“ Während bis Mitteldeutschland die Verpflegung musterhaft
organisiert war (alle Schulen waren geschlossen, damit die Jugend bereit
war), spürte man in Bayern, dass man dort noch wenig Flüchtlingserfahrung
hatte, auch die ungewandte und wenig liebenswürdige Art der Bayern befremdete
uns. Wie waren wir vom Norden her verwöhnt. Nur wer Gleiches erlebt hat,
versteht den andern. In Nürnberg aber bekam der N.S.V.-Leiter einen
so erschütternden Eindruck beim Durchgehen durch den Wagen, dass er
entsprechend nach Neuendettelsau telegraphiert hatte und meine Bitten um
Krankenwagen erfüllt wurden.
6.)
Wie sah es nun im Innern aus?
Von Stunde zu Stunde ließen die Kräfte
nach. In Halle mussten wir Frau Strempel herausbringen und dem Roten Kreuz
übergeben (sie ist dort im Hilfskrankenhaus Ende September verstorben). –
Wir hatten schon verschiedene unter Luminal 0,03, weil sie in ihrer
Verwirrtheit immer aus der Tür heraus wollten. Aber nur bei äußerster
Gefährlichkeit wollten wir sie abgeben. Gut, dass wir alle Papiere bei uns
hatten. In Halle half ein Osterstabsarzt, ging inspizierend durch den Wagen,
untersuchte kurz die Herzkranken und Schlaganfälle mit der Weisung: „Ruhig
mitnehmen“.
Es war glühend heiß. Nur beim Fahren, im Durchzug konnten wir
die Hitze ertragen. Man war wie ausgedörrt. Zur Nacht kam etwas Ruhe und
manche schliefen. Aber das viele Trinken brachte naturgemäß ein dauerndes
Laufen auf die Klosetts, das den meisten ohne Hilfe nicht mehr möglich war.
Die Pflege war schwer. Sowie das Luminal ausgewirkt hatte, fing die
Aufgeregtheit wieder an bei 4 Leuten. Die Herzkranken, 2 Schlaganfälle, die unter
Luminal Stehenden mussten gelagert werden, so war ein dauerndes Wechseln der
Plätze nötig. wir versuchten, abwechselnd auf unseren Säcken und
Wäschekörben draußen im Eingang zu liegen und etwas zu schlafen (dort holte
ich mir die Krankheit, denn es war dort kühl), aber der Zustand der Alten,
das Aufpassen auf die Bahnhöfe ließ kaum Ruhe.
Die Männer wurden z.T.
rabiat. Man musste wieder zur Stelle sein. Mal – so wie im Bunker
der Hamburger Post – ging ich von einem zum andern, ihm zwei
Schluck Rotwein zu geben. Welche Erquickung war das. Man konnte Trostworte
sagen. Wir fuhren durch die Fränkische Schweiz. Die Sonne ging auf, die
Natur fing wieder mit ihrer Tröstung an; ja, wir konnten ein Morgenlied hier
und da singen und Psalmworte trösteten uns. Mit Pandigal und Cardiazol halfen
wir den Hinfälligen etwas auf. Wie kann doch der frühe Morgen helfen, wenn
die finstere Nacht vertrieben ist! „Morgenglanz der Ewigkeit......“
Aber aus Morgen und
Abend wurde wieder ein Tag, vor allem ein Tag, an dem das deftige,
gute Mittagessen fehlte. Die telegraphische Bitte um Suppe in Nürnberg wurde
nicht erfüllt. Man konnte kein Brot
mehr sehen. Am Sonntag um 21/2 Uhr war man in
Neumünster mit Auto gestartet, am Dienstag Abend gegen 9 Uhr wurden wir in
Neuendettelsau ausgeladen.
Das bedeutet, dass wir 54 Stunden auf dieser 2.
Flucht waren, eng eingesperrt in einen D= Wagen, bei glühender Hitze. Nimmt
man hinzu, dass wir auf der ersten Flucht, zusammen mit der Terrornacht,
auch schon 30 Stunden auf
den Beinen waren, dazu die Alarmnächte mit dem 24.7. in Hamburg und später
in Neumünster, so erhält man das Bild, dass wir mit unseren Alten nur 1 Nacht
ungestört gelegen hatten und manche Alarmnacht wegen der Feuersgefahr
ringsum überhaupt nicht zu Bett gehen konnten, also 5 Nächte völlig ohne Schlaf, 5
Nächte mit schwerster Störung. War es ein Wunder, dass unsere Alten zum teil
wie die Sterbenden ankamen, dass unsere Jugend, dass solch ein schwacher
Mensch wie Fräulein Claus so am Ende war, dass sie wie anormal wirkten?
Ein Gotteswunder war
es, dass uns auf der Reise niemand gestorben ist. Wir hatten 93- und
95-Jährige unter uns und bis auf wenige Ausnahmen waren unsere Alten alle um
die 80 und darüber. Gestorben sind an den direkten Folgen der Reise nur 2 im Laufe der ersten
14 Tage. In Neuendettelsau kam zuerst ein gesundheitlicher Aufschwung, bis
im Oktober/November ein größeres Sterben
einsetzte.
Wir hatten in den
Terrornächten und auf den beiden Fluchtreisen viel
erlebt; wir waren durch Grauen und Schrecken gegangen und nun, angelangt, am
Ende unserer Kraft. Sollten wir nun
wirklich noch ans Ende all der Not kommen?! Zwischen Nürnberg und
Neuendettelsau schien mir, kam es darauf an, gut zu organisieren. Alles, was
ohne Krankenwagen fahren konnte, wurde möglichst geordnet in einem Teil des
Wagens zusammengefasst. Das Umleiten in Wicklesgreuth ging rasch. Schon
tauchten in der Abendstimmung das flimmernd heißen Tages die
Silhouetten der Neuendettelsauer Türme auf.
IV.
Neuendettelsau. W I R W A R E N A M Z I E L !
Es war uns, es war mir
wirklich nach allem andern zumute als nach großen
Dingen und Aufmachungen. Was sich uns aber dort bot riß auf
einmal aus allem bisher Erlebten heraus. Der Zug war so geschoben, dass wir
einen weiten Abschnitt Gelände vor uns hatten, typische Neuendettelsauer
Landschaft; das Grün der Wiesen eingefasst von dunklen Waldungen. Der
rangierende Zug hielt. Beim Öffnen der Tür dünkte mir, ich sei in einem
Riesen-Freilichttheater und hätte eine große dramatische Szene vor Augen.
Ja, nach all dem Ungeordneten, Wirren, aus dem Schmutz und Grauen Geborenen
der letzten Tage kam mir der Aufbau beinahe theatralisch vor. Der Abstand
war zu groß. Bis Bewegung in das Ganze kam, durch das heraufsteigen der
jungen Militärärzte und Sanitäter, das Begrüßtwerden durch die leitenden Schwestern bis hin zum
warmen Händedruck durch Herrn Rektor Laurer. Jetzt merkte er ja erst, wer da
als Flüchtling in seine Anstalt kam. – Und nun war es, als sähe man keine
Theaterdekoration mehr, sondern wüsste nur das Eine, dass das alles „für uns“
war, dass hier „die Barmherzigkeit „ war nach all der „Grausamkeit“, das
„Erbarmen“ nach allem „Grauen“.
Die ganze
Hilfsaktion war so organisiert:
Vorn am Zuge leitende Diakonissen,
sowie Herr Dr. Laurer. In der Mitte der große Krankenwagen für
etwa 12 Bahren (oder waren es mehrere Wagen?), von der Munitionsfabrik
gestellt. Auf Anhöhen dazwischen die übliche Schar von Kindern. Das
Eindrucksvollste aber war der weite, weite Kranz der Schwestern in ihren
weißen Hauben, jede einen Fahrstuhl vor sich, wie sie im großen, weiten
Halbkreis – gegen Wiesen und Wald sich abhebend – das Ganze umsäumten. Alle, auch
die Kinderchen – ich meine es noch heute zu sehen – so rührend erbarmende
Gesichter, mit denen sie nun ihrerseits das Schauspiel der Auszuladenden
beschauten. Und dann löste sich befehlsgemäß das Bild. Arzt und Sanitäter
gingen durch den Wagen, sahen das Bild des Elends. Mit großer Zartheit
wurden die Hilflosesten zuerst auf Bahren hinausgetragen. Alsdann rollten
Fahrstühle auf Fahrstühle heran und – ehe wir´s uns versahen – hatte diese
Riesenmannschaft rettender Wehrmänner und Schwestern unseren Elends-Wagen
geleert.
Wenige Rüstige wurden untergefasst und geleitet. Die Flucht war zu
Ende. Wir waren im Hafen. Die Kirche stand in der Mitte, die Stadt der
Barmherzigkeit nahm uns auf. Man war wie betäubt, wir wankten vorbei am
Mutterhaus, kamen zu dem Platz, wo bei gutem Wetter die Schwestern im Freien
unter Bäumen und Büschen ihr Abendbrot einnehmen. Wer konnte, wurde noch
gespeist, bekam im Fahrstuhl seine schöne, warme Abendsuppe. Ich hörte die
helle Stimme der Oberin, sah, wie sie alle bewirtete, sich gütig zu ihnen
beugte mit ihrem freundlichen Gesicht unter dem nun ganz weiß gewordenen
Haar.
Und dann ging es in
den Kapitelsaal. „Überzogene
Betten“, „Bettzeug“, in diesem
Eindruck ging eigentlich alles unter. Frau Oberin kam. Kaum ins
Bett gelegt, fing schon ein großes Schnarchen an. Wie dankbar waren die
Alten, die noch fähig waren, ihr Danke zu sagen, Frau Oberin schickte
gleich die fünf Kränksten ins Krankenhaus. Eine Nachtwache wurde
uns gestellt. Weiter weiß ich nichts mehr. Wir durften schlafen. Ich schlief
im kleinen Raum des Kapitelsaals (Gerätekamm), nachdem alle Alten zur Ruhe
gekommen waren.
Die kommenden Tage
waren sehr schwere Arbeitstage. Frau Hetemann tat Nachtwache. Wohl
halfen zuerst noch Diakonissen, aber dann waren
Schwester Gisela und ich allein. Ich wusste schon, dass ich richtig krank
war, holte mir Medikamente gegen die Blasensache. Aber wie hätte ich mich
krank legen können!Die Hauptarbeit
bestand in diesen Tagen in der Beschaffung von Wäsche zum Wechseln aus der
Spinnstoffsammlung und Schreiben von Bezugscheinen, in der langsam
einsetzenden Umquartierung der Siechen in einzelne Häuser, in der
Aufstellung der allernotwendigsten Listen, Inangriffnahme der ersten
notwendigen persönlichen Geldgeschichten der Alten (Renten), Verhandeln mit der Gemeinde, vor
allem aber Besuchen der Kranken und Sterbenden und Zur-Ruhe -bringen der
z.T. erregten Männer, Benachrichtigen der Angehörigen u.s.f.
Als wir nach 10 Tagen
so weit waren, dass ich zum ersten Male ausruhen wollte, kam der
verhängnisvolle Ruf, nach Hamburg zu kommen. Aber unsere Alten fingen an,
ganz langsam zur Ruhe zu kommen. Die erste Beerdigung und der erste
Sonntagsgottesdienst, dazu die aufopfernde und liebevolle Art der
Diakonissen ließen die Alten spüren, dass sie in einer „christlichen“Anstalt
waren und dass das für sie in der Fremde vor alles, ja einzig, Heimat
bedeuten konnte. Sie gewannen alle ihren Pfarrer Burckard lieb.
Man könnte viel
erzählen von all den Liebeszeichen, die uns in diesen ersten Tagen von allen
Seiten zuflossen: von alten und jungen Diakonissen, die ganz persönlich
wertvollste Wäschestücke opferten, von den Hausmüttern, die uns
unerlässliche
Dinge aus ihren Beständen brachten, Nähkästen, Waschlappen, Zahnbürsten,
Kämme, von vielen Zivilisten, die Geschenke brachten. Diese ersten Tage
verwischen sich mir, man war zu betäubt, müde und krank. Das Schönste aber
war die Sonne, die funkelte und leuchtete und ganz Neuendettelsau war e i n
großer Obstgarten. Solange wir noch an die 54 Menschen im Kapitelsaal waren,
Männlein und Weiblein durcheinander, habe ich abends, wenn alle
in den Betten lagen, einen Psalm gelesen, von der Bühne herab, und wir haben
einen bekannten Abendvers gesungen. Die Psalmen sind uns neu geworden in
diesen Tagen und Monaten. Und der 91. Psalm war und blieb für uns der Psalm
der Terrornächte und der Flucht bis hin zum Heimathafen.
Adelheid Crome
Psalm 91
Unter
dem Schutz des Höchsten
Wer im
Schutz des Höchsten wohnt / und ruht im Schatten des Allmächtigen,
der sagt
zum Herrn: «Du bist für mich Zuflucht und Burg, / mein Gott, dem ich
vertraue.»
Er rettet
dich aus der Schlinge des Jägers / und aus allem Verderben.
Er
beschirmt dich mit seinen Flügeln, / unter seinen Schwingen findest du
Zuflucht, / Schild und Schutz ist dir seine Treue.
Du
brauchst dich vor dem Schrecken der Nacht nicht zu fürchten, / noch vor dem
Pfeil, der am Tag dahinfliegt,
nicht vor
der Pest, die im Finstern schleicht, / vor der Seuche, die wütet am Mittag.
Fallen
auch tausend zu deiner Seite, / dir zur Rechten zehnmal tausend, / so wird
es doch dich nicht treffen.
Ja, du
wirst es sehen mit eigenen Augen, / wirst zuschauen, wie den Frevlern
vergolten wird.
Denn der
Herr ist deine Zuflucht, / du hast dir den Höchsten als Schutz erwählt.
Dir
begegnet kein Unheil, / kein Unglück naht deinem Zelt.
Denn er
befiehlt seinen Engeln, / dich zu behüten auf all deinen Wegen.
Sie tragen
dich auf ihren Händen, / damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt;
du
schreitest über Löwen und Nattern, / trittst auf Löwen und Drachen.
«Weil er
an mir hängt, will ich ihn retten; / ich will ihn schützen, denn er kennt
meinen Namen.
Wenn er
mich anruft, dann will ich ihn erhören. / Ich bin bei ihm in der Not, /
befreie ihn und bringe ihn zu Ehren.
Ich
sättige ihn mit langem Leben / und lasse ihn schauen mein Heil.»
